Meine brillante Karriere auf Netflix: Was, wenn das »Ich muss« nicht wahr ist?
Worum geht es in »Meine brillante Karriere« auf Netflix?

Die Miniserie »Meine brillante Karriere« (»My Brilliant Career«) handelt von Sybilla Melvyn. Sie lebt mit ihren Geschwistern und ihren verarmten Eltern Lucy und Richard auf einer Farm im australischen Busch. Ihr größter Wunsch: Sie will schreiben und sich damit eines Tages selbst ihren Lebensunterhalt verdienen.
Für eine junge Frau im Australien des ausgehenden 19. Jahrhunderts ist dieser Wunsch ungewöhnlich. Von Frauen wurde vor allem erwartet, dass sie heiraten, Kinder bekommen und den Haushalt führen. Besonders eine wohlhabende Ehe konnte über ihre soziale und wirtschaftliche Sicherheit entscheiden.
Auch Sybilla soll auf diese Rolle vorbereitet werden. Deshalb schicken ihre Eltern sie zu ihrer wohlhabenden Großmutter Mrs. Bossier. Sie lebt auf dem luxuriösen Anwesen Caddagat und will aus ihrer eigensinnigen Enkelin eine gesellschaftsfähige junge Dame machen.
Vor diesem Hintergrund steigt »Meine brillante Karriere« mit einem Paukenschlag ins Geschehen ein. Sybilla soll als heiratsfähige Debütantin bei einer Geburtstagsparty in die Kreise der Oberschicht eingeführt werden. Doch statt sich gefällig zu präsentieren, hält sie einen wortgewaltigen Vortrag über die Freiheit der Frau – und blamiert ihre Großmutter damit zutiefst. Wird sich Sybilla im Verlauf der sechs Folgen zur folgsamen jungen Dame verwandeln? Oder gibt sie ihren Wunsch zu schreiben auf, um ihre Eltern finanziell zu retten und als Ehefrau und Mutter abgesichert zu leben? Und für mich als Coach for The Work of Byron Katie ergibt sich noch ein weiteres spannendes Detail. Wie nämlich würden die Figuren handeln, wenn sie The Work auf ihre Gedanken anwendeten?
Fast jede Figur weiß, wie das Leben sein »muss«

Denn in »Meine brillante Karriere« auf Netflix ist es vor allem die Figur der Sybilla Melvyn, die durch ihre Worte und durch ihr Handeln jene Glaubenssätze hinterfragt, die viele Menschen um sie herum nicht in Frage stellen. Im Gegenteil: Sie scheinen genau zu wissen, wie eine Frau, ein Mann oder ein Mitglied der Oberschicht zu leben hat. Hinter diesen Vorstellungen steht immer wieder ein »Ich muss« oder »Du musst« beziehungsweise ein »Er/sie sollte/nicht«.
Ich hatte bereits zuvor geschrieben, dass Sybillas Familie der festen Überzeugung ist, ihre Tochter müsse gut heiraten, um finanziell abgesichert zu sein und die Familie finanziell zu entlasten. Byron Katie würde folglich fragen: »Unsere Sybilla muss uns finanziell entlasten. Ist das wahr?«
Ebenso glaubt der Gutsverwalter-Anwärter Frank Hawden, dass Sybilla bei einer Heirat ihre Wildheit und Eigenständigkeit aufgeben muss, um den Erwartungen seiner Eltern zu genügen. Zudem »weiß« er, dass er enterbt werden wird, wenn er seinen Eltern nicht schleunigst eine passende Frau vorstellt.
Und auch Harry Beecham, der Sybilla echte Zuneigung entgegenbringt, würde vielleicht weniger leiden, wenn er mit Byron Katies Work folgenden Stressgedanken untersuchen würde: »Ich muss meiner zukünftigen Frau (und ihrer Familie) finanzielle Sicherheit bieten, bevor ich sie heiraten darf. Ist das wahr?«
Sybilla lebt die Umkehrung: »Ich muss nicht«
Beim Anschauen von »Meine brillante Karriere« musste ich immer wieder an The Work von Byron Katie denken. Die Methode untersucht belastende Gedanken mit folgenden vier Fragen:
- Ist dieser Gedanke wahr?
- Kann ich mit absoluter Sicherheit wissen, dass der Gedanke wahr ist?
- Wie reagiere ich, wenn ich den Gedanken glaube?
- Und wer wäre ich ohne diesen Gedanken?
- Anschließend wird der ursprüngliche Satz in drei Variationen umgekehrt – ins Gegenteil, zu sich selbst und zum anderen. Anhand der jeweiligen Umkehrung prüft der/die Workende, ob auch die gegenteilige Glaubenssatz für ihn wahr ist.
Eine solche Umkehrung soll keinen negativen Glaubenssatz durch einen positiven ersetzen. Sie öffnet vielmehr eine andere Sicht auf etwas, das vorher selbstverständlich erschien. Aus einem Satz wie »Ich muss heiraten« kann beispielsweise »Ich muss nicht heiraten« werden. Und genau diese Umkehrung scheint Sybilla Melvyn in »Meine brillante Karriere« weniger zu denken als zu leben.

Schon zu Beginn widersetzt sie sich der Vorstellung ihrer Eltern, sie müsse nach Caddagat gehen, eine Dame werden und sich auf eine standesgemäße Heirat vorbereiten. Stattdessen erklärt sie ihrer Schwester, dass sie etwas erschaffen wolle, statt Kinder zu bekommen. Schließlich fährt sie dennoch zu ihrer Großmutter nach Caddagat. Sie verbindet mit diesem Aufenthalt vor allem die Möglichkeit, ihren Horizont zu erweitern und eine Welt kennenzulernen, die ihr auf der verarmten Farm ihrer Eltern verschlossen bleiben würde. Und auch das scheinbar missglückte Debüt bei ihrer Einführung in die Gesellschaft zeigt: Sybilla nutzt diese Feier, um ihr schriftstellerisches Talent zu präsentieren. Die junge Frau möchte mit dem gesehen werden, was sie denkt, wahrnimmt und in Worte fassen kann.
Genau darin liegt für mich eine der stärksten Seiten dieser Netflix-Serie. Während andere Figuren häufig überlegen, wie sie gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen können, stellt Sybilla durch ihr Verhalten immer wieder die Frage: Ist dieser gesellschaftlich anerkannte Glaubenssatz für mich wahr? Ihre Antwort steht keineswegs von Anfang an fest. Aber sie wagt es, Möglichkeiten zu erproben, die ihre Umgebung anfangs kaum für denkbar hält.
Was passiert, wenn einer Erkenntnis Taten folgen – die gelebte Umkehrung
Eine Umkehrung wird besonders interessant, wenn sie nicht nur gedacht, sondern gelebt wird. In »Meine brillante Karriere« zeigt sich das gut an Sybillas Wunsch zu schreiben. Die gesellschaftliche Erwartung lautet sinngemäß: Eine Frau sollte heiraten und ihre vorgesehene Rolle erfüllen. Mit Byron Katies Work wird daraus in der Umkehrung: Eine Frau muss NICHT ihre gesellschaftlich vorgesehene Rolle einnehmen. Die Erkenntnis aus solch einer Work könnte sein: Eine Frau darf heiraten oder ihren eigenen Weg gehen. Sie darf mit dem Schreiben ihren Lebensunterhalt verdienen, wenn genau das ihrem Wesen entspricht.
Augusta Beecham unterstützt Sybilla dabei, diese Umkehrung tatsächlich zu leben. Sie nimmt Sybillas Wunsch zu schreiben ernst, fordert sie zum Arbeiten auf. Augusta gibt Sybilla auf ihrem Gut namens Five Bob zugleich den nötigen Freiraum für die Schriftstellerei. So bleibt die Umkehrung »Eine Frau darf mit dem Schreiben ihren Lebensunterhalt sichern« nicht bloß eine Idee. Aus dem Perspektivwechsel wird dank der gelebten Umkehrung eine konkreten Erfahrung.
Die gelebte Umkehrung und ihre Konsequenzen
Eine gelebte Umkehrung kann Freiheit bringen. Sie kann uns aber auch etwas kosten: Zustimmung, Bequemlichkeit, Sicherheit oder Zugehörigkeit. Genau dort wird sichtbar, wie ernst wir unsere Erkenntnisse wirklich nehmen.
Sybilla ist bereit, solche Konsequenzen zu tragen. So löst sie eine wichtige Verlobung, obwohl sie weiß, dass diese Entscheidung die finanzielle Lage ihrer Familie verschärft. Statt sich über eine Ehe abzusichern, nimmt sie in Kauf, als Erzieherin zu arbeiten und damit einen Teil der Schulden ihres Vaters abzutragen. Sie richtet ihr Handeln stärker an dem aus, was sie selbst als wahr empfindet – und zeigt damit, dass gesellschaftliche Glaubenssätze nicht zwangsläufig gelebt werden müssen.
Mrs. Bossier steht dagegen für jene gesellschaftliche Überzeugungen, die kaum als bloße Gedanken erkannt werden. Für sie stehen Heirat, angemessenes Verhalten und soziale Ordnung nicht wirklich zur Diskussion. Sie zweifelt die damit verbundenen Zwänge nicht an. Deshalb versucht sie, Sybilla wieder in die vorgesehene Rolle zurückzuführen. Als ihre Enkelin sich weigert, ihre Haltung zu ändern, verordnet sie ihr sogar Stubenarrest.

Augusta, die Freundin der Großmutter, nimmt eine Zwischenposition ein. Sie erkennt die Auswirkungen gesellschaftlicher Regeln auf Frauen deutlich stärker und stellt sie infrage. Gegenüber Sybilla vertritt sie die Ansicht, eine Frau solle schreiben, denken und verdienen können wie ein Mann. Gleichzeitig setzt sie ihre Erkenntnisse nicht überall konsequent um.
Besonders deutlich zeigt sich das bei ihrem Neffen Harry. Augusta versteht sich als freigeistige Frauenrechtlerin und unterstützt dennoch eine strategische Ehe, sobald gesellschaftliche und wirtschaftliche Sicherheit ins Spiel kommen. Pointiert könnte man sagen: Augusta erkennt die Umkehrung – aber sie lebt sie nur dort, wo der Preis für sie tragbar bleibt.
Gerade dieser Unterschied macht die drei Frauen so interessant. Mrs. Bossier hält gesellschaftliche Glaubenssätze für Wirklichkeit. Augusta erkennt ihre Begrenztheit, folgt ihnen aber teilweise weiter. Dagegen geht Sybilla am weitesten: Sie prüft im eigenen Leben, was passiert, wenn aus einem »Ich muss« tatsächlich ein »Ich muss nicht« wird.
Was haben die »Ich muss«-Sätze in Sybillas Lebenswelt mit uns heute zu tun?
Die gesellschaftlichen Erwartungen in »Meine brillante Karriere« wirken auf den ersten Blick weit entfernt. Heute muss eine Frau nicht mehr heiraten, um wirtschaftlich abgesichert zu sein. Doch die »Ich muss«-Sätze sind nicht verschwunden. Sie haben nur ihre Form verändert. Heute klingen die »Ich muss«-Sätze eher so:
- Ich muss es mit Ende 30 »zu etwas gebracht« haben.
- In unserem Familienbetrieb haben alle zunächst eine Ausbildung als Bäcker zu absolvieren.
- Ich muss mich aus Karrieregründen an allen Firmenfeiern beteiligen.
- Ich muss mit 50 Jahren aussehen wie eine Vierzigjährige.
Solche Gedanken versprechen Sicherheit, Anerkennung und Zugehörigkeit. Genau wie in Sybillas Lebenswelt lohnt es sich deshalb, genauer hinzusehen: Ist dieses »Ich muss« wirklich wahr? Oder folge ich einer gesellschaftlich verankerten Vorstellung davon, wie mein Leben aussehen sollte? Und wie sähe mein Leben aus, wenn ich das »Ich muss NICHT« tatsächlich lebte?
Ebenso interessant ist auch unser Urteil über die Filmfiguren. Nehmen wir zum Beispiel die Figur der Augusta. So könnten wir über sie denken: »Augusta sollte mutiger sein.« Wenn wir diesen Gedanken zu uns umkehren, wird daraus: »Ich sollte mutiger sein.« Und sicherlich gibt es eine Situation in unserem Leben, in der wir aus dem Wunsch nach Zustimmung, Bequemlichkeit, Sicherheit oder Zugehörigkeit unsere Wahrheit nicht gelebt haben.
Welcher »Ich muss«-Satz gehört zu welcher Figur?
In »Meine brillante Karriere« tragen fast alle Figuren Vorstellungen darüber in sich, wie sie selbst oder andere leben müssen. Ordne die fünf Gedanken den passenden Figuren zu.
Tipp: Du kannst einen Satz ziehen oder ihn anklicken und danach die passende Figur auswählen.
Welcher »Ich muss«-Satz bestimmt gerade dein eigenes Leben? Und was verändert sich, wenn du probeweise daraus ein »Ich muss nicht« machst?
Warum ich »Meine brillante Karriere« gerne geschaut habe
Besonders gefallen hat mir in dieser Netflix-Serie das Zusammenspiel von historischem Stoff und moderner Inszenierung. Die Serie wurde vollständig in Südaustralien gedreht, wobei gerade die beeindruckenden Landschaften der Barossa-Region die Atmosphäre der Serie prägen.
Dabei wirkt »Meine brillante Karriere« nicht wie ein angestaubtes Kostümdrama. Die Figuren sind lebendig gestaltet, ihre Konflikte wirken glaubwürdig und die gesellschaftlichen Zwänge des ausgehenden 19. Jahrhunderts sind alltagsnah dargestellt.
Dazu trägt für mich vor allem die Hauptdarstellerin Philippa Northeast bei. Sie überzeugt als Sybilla, die leben, schreiben und sich ausprobieren will. Sybilla möchte sich nicht in einer Rolle verlieren, die andere für sie vorgesehen haben.

Zudem rankt sich meines Erachtens »Meine brillante Karriere« um Authentizität und Selbstbestimmung. Genau darin erkenne ich für mich einen direkten Zusammenhang zu Byron Katies Work, die bei konsequenter Anwendung zu mehr Authentizität führt. Beim Anschauen der Serie musste ich deshalb immer wieder an Byron Katies Work denken und an die Frage: »Was geschieht, wenn wir ein gesellschaftliches »Ich muss« nicht mehr automatisch glauben?«
